Der Große Chasan

28 01 2012

Vor 69 Jahren, in Saloniki in Griechenland, die Deutsche Wehrmacht fällt in die Stadt ein, durchkreuzt die Pläne des jungen Estrongo Nachama, der wie sein Vater ins GetreideGeschäft einsteigen will „1943 schafften uns die Verbrecher ins Ghetto. Zwei Tage blieben wir da. Dann standen die Züge mit den Viehwaggons auf dem Gleis. Da sperrten sie uns rein. Acht Pferde oder 70 Menschen, das stand draußen dran. Wir nahmen nur Feigen, Rosinen und Brot mit, und dann fuhren wir. Acht Tage. Wohin? Nach Polen, hieß es. Die Endstation war
Auschwitz.“ Der Mann schweigt. Dann sagt er, wie oft beim Blick zurück: „Und so war’s.“
Auf der Rampe von Auschwitz wird er zum letzten Mal seine Eltern sehen. Seine Schwestern Matilde und Signora, seine Braut Regina.
Er selbst wird in Block 2 vegetieren, vor Schmerz singen, immer wieder Klagelieder, und bald „Sänger von Auschwitz“ heißen. Die Stimme rettet ihm das Leben. „Komm, Sänger, Stiefel putzen“, befehlen ihm SS-Männer und kriminelle Baracken-Chefs. „Sing uns italienische Lieder.“ Dafür werfen sie ihm wie einem Hund Brot vor die Füße. So überlebt Estrongo Nachama dort, wo gestorben wird.
An einem Wintertag im Januar 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Sowjet-Armee muß er auf seinen ersten Todesmarsch. „Immer nach Westen. Zehn Tage laufen, fast ohne Essen. Immer Gebrüll und Geschrei. Wer nicht mitkam, wurde erschossen. Sie trieben uns ins KZ Sachsenhausen bei Berlin. Ja, und so war’s.“
In Sachsenhausen aber kennt niemand den „Sänger von Auschwitz“. Estrongo Nachama hat nicht mehr genug Brot, und deshalb klaut er es. Dafür hängen sie ihn kopfüber an den Galgen, der heute noch in der Gedenkstätte steht, und schlagen ihm auf die Füße. Anschließend muß er zur Strafarbeit. Das bedeutet, die verknäulten Leiber aus der Gaskammer zu holen und in die Verbrennungsöfen zu schieben. „Das war grausam, so grausam.“ 50 Jahre haben nicht gereicht, um diese Bilder loszuwerden.
Ende April 1945 geht Estrongo Nachama auf seinen zweiten Todesmarsch. „Das hat gedauert bis 3. Mai, mein Freund. Wieder Erschießungen, kein Essen, kalt. Die Verbrecher “ Die Stimme des Kantors ist jetzt wieder laut. Er lehnt sich zurück in seinem Stuhl und streicht mit der Hand über den Tisch. Sein Blick geht in die Ferne, dorthin, wo nur er etwas sieht.
Er sieht seine Flucht, den Hühnerstall bei Falkensee, in dem er sich versteckt, und schließlich, morgens um fünf, die Russen, die ihn endgültig befreien. Der Weg durch die Hölle ist zu Ende. Nachama denkt, daß er den nächsten Zug besteigen wird, der nach Griechenland fährt. Er will in der Stadt leben, die er zuletzt durch die Luke eines Viehwaggons gesehen hat.
Estrongo Nachama besteigt in Falkensee den nächsten Zug, der nach Griechenland fahren soll, aber in Berlin ist die Reise schon zu Ende. Das gilt für den Zug, der nicht weiterfährt, und das gilt für das weitere Leben Nachamas. Er findet zuerst ein Zimmer und dann die Jüdische Gemeinde. In der Synagoge Pestalozzistraße hören die Glaubensbrüder zum ersten Mal seine Stimme. Sie überreden ihn, als Kantor in Berlin zu bleiben.

Am 1. Juli 1947 tritt er sein Amt an. Später wird er Oberkantor, bleibt in der Hauptstadt des Landes, das ihm und seiner Familie soviel Leid zugefügt hat.  Irgendwann bekommt er einen Status, in den man nicht berufen werden kann. Estrongo Nachama wird eine Institution. Er betreut die Jüdische Gemeinde im Westen der geteilten Stadt und auch die im Osten. Er kümmert sich um die jüdischen Familien der amerikanischen Streitkräfte in Berlin. „Ich habe“, sagt er, „alle beerdigt. Und so war s.“

Eine Berliner Institution
Mehr als 50 Jahre auch singt Nachama wöchentlich im RIAS, später im DeutschlandRadio, zur wöchentlichen Sabbatfeier. Im Osten hat er eine Sendung im Berliner Rundfunk. Die politische Teilung der Stadt existiert, aber der Mann aus Saloniki läßt sie für sich nicht gelten. Er ist, wenn es das denn geben kann, ein Berliner Patriot und ein gesamtdeutscher Grieche. Schon bevor die Mauer stand, hat Nachama
Grenzen überschritten. „1949 bat mich ein Bischof, in einer Aachener Kirche zu singen. Aber wie konnte ich? Ich war in Auschwitz. Es kam für mich nicht in Frage. Schließlich habe ich doch zugesagt und seitdem immer wieder die Hand gereicht.“
Deshalb singt Nachama wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am 4. Mai 1998  auch wieder einmal im Berliner Dom. Vor Konzertbeginn küßt der Kantor Frauen auf die Wange, stellt Leute einander vor oder schwatzt ein bißchen mit Verehrern. Noch weiß er nicht genau, wie das Publikum nachher reagieren wird. Aber er plant schon zwei Zugaben. Schließlich ist er der Mann, der ein großes Namensschild
an der Tür hat. Später singt er „Lo Amut Ki Echje“: „Ich sterbe nicht, ich lebe.“
Auch Doris ist wieder da. Doris ist eine Frau aus Heppenheim, die zu jedem seiner Konzerte anreist. Egal, ob nach München, Dortmund oder eben Berlin. Sie drückt ihm Tüten in die Hand, und als Nachama auspackt, murmelt er: „Mensch, schon wieder zwei Krawatten, soviel Kram, soviel Geld ausgeben. Sind verrückt, die Frauen. Hier, auch noch Salbe für meine Füße.“

Am 13. Januar 2000 ist sein Lebensweg in Berlin zu Ende, seine Musik aber, die er mit dem RIAS- Kammerchor unter Uwe Gronostay und zusammen mit „seinem“ Organisten Harry Foss auf mehreren CDs veröffentlicht hat, sie lebt weiter, sie ist unsterblich. Dieser wunderbare Bariton begleitet mich seit Anfang der 90er Jahre.Damals hab ich ihn angerufen und um eine möglichst signierte CD gebeten. Diese „Große Neue Shabbatfeier“ ist bis heute meine wertvollste CD – mit einer von ihm mit einem handgeschriebenen Gruß versehenen Visitenkarte.

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5 responses

28 01 2012
Li Ssi

danke, lieber wolf, für diese erinnerte lebensgeschichte- ja gestern war der tag: 67 jahre befreiung von ausschwitz. viele reden gegen das vergessen und immer noch ist ein fünftel unserer gesellschaft antisemitisch eingestellt… antisemitisch und wohl auch rassistisch… erinnern ist eins… handeln hier und jetzt das andere-
herzliche grüße
u.

28 01 2012
Himmelhoch

Wolfgang, der Mann hat wirklich eine Stimme, von der ich positive Gänsehaut bekomme.
Ich werde es nie begreifen, warum so viele Deutsche dazu neigen, die selbst gemachten und selbst verschuldeten Probleme anderen Völkern oder anderen Leuten = Ausländern in die Schuhe zu schieben. Auf diese blöden Ansichten bin ich auch in entfernteren Verwandtenkreisen gestoßen. MIch überkommt dann immer ein Gefühl von Fremdschämen.
Leider habe ich das Gefühl, wenn diese brutale Ausrottung heute passieren würde, das viele der Leute auch wieder wegsehen würden.
Ich grüße dich ganz herzlich
Clara

30 01 2012
shelkagari

Was für ein Reichtum an Leben, Leid und Erfahrungen, an Verstehen, Liebe, Verzeihen und Überleben liegt in dieser Stimme!… Und wie viele, die bestimmt auch Schönes und Großes, Liebevolles und Liebenswertes geschaffen hätten, wurden dahin gerafft, seelen- und skrupellos ausgelöscht…

31 01 2012
Gedenktag « 今井クリスチアン

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1 02 2012
Träumerle Kerstin

Was für eine bewegende Geschichte! Danke, dass Du sie hier erzählt hast.
Liebe Grüße von Kerstin.

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